Wie alle begann
Eine Zeitreise in die frühen 60er Jahre
von Friedel Liedhegener
Was wünschst du dir eigentlich zum Geburtstag? Im Grunde eine harmlose, unverfängliche Frage, aber an diesem 14.7.1960 klang mein Vater irgendwie unterschwellig bedrohlich. Natürlich war ich vorbereitet und begann, meine Wunschliste in monetär absteigender Reihenfolge aufzuzählen. Wenn ich mich recht erinnere, waren das: Und wie wär‘s mit einem Moped? Das stand nun gar nicht auf meiner Liste. Er gab mir einen Stoß: He, ich hab‘ dir schon eins besorgt. So ein Mist, ein Moped, das interessierte mich nun überhaupt nicht. "Das ist eine NSU erklärte er mir." Wir zogen das Ding heraus, und ich hielt ein grasgrünes Quickly an den Händen. Das Hinterrad hatte eine mächtige Acht, so dass man das Moped nicht schieben konnte. "Sie springt auch nicht an." Schönes Geburtstagsgeschenk! Gesagt, getan. Wir lieferten das Gerät bei ihm ab, er besah es von allen Seiten und brummte irgend etwas Anerkennendes. Am 16.7.1960, einen Tag nach meinem Geburtstag, ging ich nach der Schule zu NSU- Kessler. Er und sein Bruder machten gerade eine Probefahrt auf dem Innenhof. Die Maschine war perfekt repariert. (Es hat auch in der Folge nicht die geringsten Probleme damit gegeben.) Da man zu dieser Zeit weder Führerschein noch Helm brauchte, zeigten sie mir, wie man mit Kupplung und Schaltung umzugehen hat. Die Maschine, die mir, vom Fahrrad kommend, ungemein bullig erschien, vollführte beim Anfahren wahre Bocksprünge. ,,Erster Gang Gas! Gas! Jetzt den zweiten rein" schrieen die NSU- Brüder Ich fuhr! Der Motor lief ruhig, meine Nervosität legte sich allmählich, und schließlich fühlte ich mich in der Lage, den Heimweg anzutreten. Jetzt erst stellte sich ein Hochgefühl ein, das ich noch heute als Echo spüren kann. DAS IST DAS LEBEN, dachte ich. Ich fuhr; nur mal so zum Spaß, meinen Schulweg ab. Was bisher mit viel Mühe verbunden war, wurde nun zum Vergnügen! Mir kam der verwegene Gedanke, noch am selben Abend die Talsperre zu erreichen, mit dem Rad eine ganze Tagestour. Kaum eine Stunde später war ich schon da. In der Dämmerung auf der Sperrmauer schwor ich den heiligen Eid, in diesem Leben nie mehr ohne Fahrzeug zu sein.
- ich, mit meiner Schwester -
Drei Wochen später bekam meine Schwester eine "Fips" mit Sachsmotor, und das Furchtbare daran. Das Ding war schneller als mein Quickly. Trotzdem machten wir viele Touren zusammen. Jetzt wurde ich plötzlich auch für eine ganz andere Art von Gleichaltrigen interessant. Bernd fragte mich eines Tages, ob ich seine Kreidler Amazone haben wollte. Es handelte sich um eine in Hammerschlag- Rosa pinsellackierte Maschine mit dem konusgeschalteten Zweigangmotor. Allerdings hatte Bernd schon einige Frisierversuche daran vorgenommen, was unter anderem zu einer Riefe im Zylinder geführt hatte. "Das macht wenig aus, du musst sie nur mit hoher Drehzahl fahren, dann merkt man das gar nicht". Neidvoll schaute ich einem älteren Halbstarken hinterher; der auf einer Heinkel Perle alle Geschwindigkeitsrekorde brach. Die Amazone hatte ich schnell, und mit Gewinn verkauft.
- meine Victoria Avanti -
"200 Mark, und sie gehört dir". Das war gerade mal ein Drittel ihres wahren Wertes. Ich flog nach Hause. Meine Eltern, nicht gerade reich, verstanden die Einzigartigkeit dieser Chance und liehen mir das Geld. Der Titel "König der Mopedfahrer" war etwa das, was mich jetzt ausmachte. Mit dieser wunderschönen Maschine fuhr ich nun täglich zur Schule. Nur ein entfernter Nachbarssohn hatte auch eine, aber der hatte einen Florett- Kleinkraftradmotor (ohne Gebläse!) hineinpraktiziert, und das war eindeutig Prall.
- meine Florett im Zebralook -
- meine Florett im Rennlook -
Später bekam sie noch den "Rennlook". Und dann wurde sie geklaut. Den Motor habe ich später wieder erkannt, eingebaut in das Florett eines gewalttätig aussehenden Halbstarken. Ich ließ die Sache auf sich beruhen.
- ich mit meinem Zündapp Janus -
Als er fertig war, reichte er mir zu meiner völligen Verblüffung den Schlüssel und wünschte mir "Gute Fahrt". Es wurde schnell klar dass er mir vorzeitig mein Geburtstagsgeschenk verraten hatte. Der Mittelmotor dieses phantastischen Wagens ähnelt verblüffend dem des Kreidler (liegender Einzylinder 250 ccm, 14 PS), was ihn mir auf Anhieb sympathisch machte. Meine Zeit mit diesem Auto ist eine andere Geschichte, zu erwähnen bleibt, dass ich immer wenn es nur möglich war eine Kreidler fuhr, bis auf den heutigen Tag. Damit ist auch erklärt, warum ich mich auf die Modelle bis 1962 beschränke, alles danach ist "Neuzeit" und hat eher mit den zahllosen Kreidler meiner drei Söhne zu tun, die natürlich den Bazillus geerbt haben. Die großen Touren, die ich jedes Jahr mit einer diesen alten Maschinen unternehme, sind wie eine Reise mit der Zeitmaschine in meine Jugend. |